Willkommen im Obsidiantor

The Devil Holds the Strings
Code 13.20

Niemand wusste mehr, wann das Theater eröffnet worden war.

Es gab keine Eintrittskarten. Keine Plakate. Keine Namen auf den Sitzen. Und dennoch war der Saal jeden Abend bis auf den letzten Platz gefüllt.

Hunderte Marionetten saßen schweigend vor der Bühne. Manche bestanden aus Holz, andere aus Metall und Knochen. Über ihren Köpfen verschwanden dünne schwarze Fäden in der Dunkelheit der Decke. Niemand konnte erkennen, wer sie dort oben hielt.

Als sich der schwere rote Vorhang öffnete, begann Code 13.20.
Das Licht fiel ausschließlich auf die Bühne.
Dort standen die Dämonenfrauen.

Ihre Rüstungen wirkten wie Relikte einer anderen Welt, geschmiedet aus schwarzem Metall, Hörnern und fremdartigen Symbolen. Hinter ihnen erhoben sich gewaltige Maschinen zwischen gotischen Säulen. Kabel verliefen durch das Mauerwerk wie Adern. Zahnräder drehten sich langsam. Irgendwo tief unter dem Theater arbeitete eine Maschine mit einem dumpfen, gleichmäßigen Puls.

Vor den Dämonen knieten Menschen in zerrissenen Kleidern.
Sie waren die letzten Darsteller.
Zumindest glaubten sie das.

Denn dieses Stück besaß kein geschriebenes Drehbuch.

Jede Entscheidung der Menschen wurde beantwortet. Jeder Versuch aufzustehen führte dazu, dass sich eine neue Kette spannte. Jeder Schritt nach links ließ eine Tür rechts verschwinden. Selbst Widerstand war längst Teil der Inszenierung geworden.

Die Dämonen mussten nicht schreien.
Sie mussten niemanden verfolgen.
Sie kontrollierten lediglich die Bühne.

Und wer die Bühne kontrollierte, bestimmte, welche Möglichkeiten überhaupt existierten.

Dann bemerkte einer der Menschen etwas Seltsames.
Er blickte nicht länger auf die Dämonen.
Er blickte ins Publikum.

Die Marionetten dort unten bewegten sich.

Nicht viel.
Nur wenige Zentimeter.
Doch plötzlich drehten sich hunderte Köpfe gleichzeitig zur Bühne.

Klack.
Eine Sekunde später hoben sich ihre Arme.
Klack.
Dann standen sie auf.

Der Mensch folgte mit seinem Blick ihren Fäden nach oben.
Und verstand.
Die Marionetten waren niemals das Publikum gewesen.
Sie waren Teil des Stücks.

Er sah weiter hinauf.
Über die Balkone.
Über die Scheinwerfer.
Bis dorthin, wo selbst das Bühnenlicht nicht mehr reichte.

Dort verliefen weitere Fäden.
Nicht nach unten.
Sondern von den Dämonen nach oben.

Zum ersten Mal verschwand das Lächeln aus dem Gesicht der Dämonenkönigin.
Denn auch ihre Bewegungen gehörten jemand anderem.
Das Theater besaß keine Herrscher.

Nur Ebenen von Marionetten, die glaubten, die Fäden der nächsten Ebene in den Händen zu halten.

Dann erschien über der Bühne das schwarze Symbol.
Darunter leuchteten zwei Worte auf:

CODE 13.20

Die Musik verstummte.
Die Fäden spannten sich.

Und irgendwo über ihnen, verborgen hinter der letzten Dunkelheit, bewegte sich eine Hand.

Der nächste Akt begann.
The Devil Holds the Strings.

Nur wusste niemand mehr, wer der Devil eigentlich war.