
Kapitel 23 – Wolves of the North
Akt 2 – Die letzte Frequenz von Eloria
Final Code 7150.51
Es gab eine Zeit, in der kaum jemand wusste, wer sich hinter dem Namen Beatkonstruktor verbarg.
Während andere nach Aufmerksamkeit suchten, Interviews gaben, Magazine kontaktierten und ihre Gesichter den Kameras entgegenhielten, hatte Beat einen anderen Weg gewählt.
Er war zu einem Phantom geworden.
Nicht aus Angst.
Nicht aus Scham.
Und auch nicht, weil er nichts zu erzählen gehabt hätte.
Es war eine bewusste Entscheidung.
Denn niemals sollte der Erbauer größer werden als das, was er erschaffen hatte.
Das Lynxa-Portal sollte die Geschichte sein.
Die Welten sollten die Geschichte sein.
Die Chroniken sollten die Geschichte sein.
Und so wuchs über viele Jahre etwas heran, dessen wahres Ausmaß von außen kaum jemand erkennen konnte.
Eine digitale Frequenz.
Ein Geflecht aus Musik und Geschichten, aus Artefakten, Codes, Erinnerungen und Resonanzen. Eine Welt, die nicht an einem einzigen Ort existierte und dennoch immer größer wurde.
Manche hielten sie für ein Hobby.
Andere für eine verrückte Idee.
Einige sahen darin lediglich eine Nische innerhalb einer weiteren Nische.
Beat ließ sie reden.
Während die Welt weiterzog, baute er.
Zwölf Chroniken hatten ihren Weg bereits nach draußen gefunden.
Zwölf Tore.
Zwölf Fragmente einer wesentlich größeren Geschichte.
Doch tief in den Archiven Elorias ruhten weitere Aufzeichnungen.
Siebenundzwanzig Chroniken.
Siebenundzwanzig Wege.
Siebenundzwanzig mögliche Schicksale.
Ob sie jemals alle die Grenzen Elorias überschreiten würden, wusste niemand.
Nicht einmal ihr Erbauer.
Denn jede erschaffene Welt verlangte etwas von demjenigen, der sie am Leben hielt.
Und irgendwann begann Beat, diesen Preis zu spüren.
Zweiundvierzig Jahre war er seinen Weg gegangen.
Ohne große Agentur.
Ohne Management.
Ohne Investoren oder bekannte Labels.
Ohne eine Armee aus Entwicklern, die seine Ideen für ihn Wirklichkeit werden ließ.
Kein gewaltiger Marketingapparat trug seinen Namen durch die Welt.
Da war nur ein einzelner Mensch.
Und eine Vision.
Doch selbst ein Phantom kann müde werden.
Selbst der stärkste Wille besitzt Grenzen.
Und selbst ein Erbauer kann irgendwann unter dem Gewicht seiner eigenen Welt zusammenbrechen.
Der Tag, an dem es geschah, begann ohne Vorwarnung.
Über Eloria zogen dunkle Wolken auf.
Zunächst bemerkte kaum jemand etwas.
Dann flackerte das erste Portal.
Ein zweites folgte.
Die Frequenzen wurden schwächer.
Resonanzkanäle verloren ihre Verbindung.
In den Hallen des Lynxa-Portals verstummten Module, die seit Jahren ununterbrochen gearbeitet hatten.
Ein Licht nach dem anderen erlosch.
Und tief unter den großen Archiven begann der Resonanz-Atlas auseinanderzubrechen.
Die Hüter liefen durch die Hallen.
Sie versuchten, die Systeme zu stabilisieren.
Doch überall erschien dieselbe Meldung.
FREQUENZVERLUST
Dann verschwanden die ersten Verbindungen vollständig.
Eloria begann zu sterben.
Weit entfernt vom Zentrum der Welt kämpfte Beat darum, das Portal zu erreichen.
Nicht als Anführer.
Nicht als Krieger.
Nicht als jener Erbauer, von dem die Chroniken erzählten.
Sondern als Mensch.
Seine Kräfte hatten ihn verlassen.
Er war aus seinem Rollstuhl gestürzt und lag auf dem kalten Boden.
Vor ihm, weit entfernt zwischen den zerfallenden Strukturen, pulsierte noch immer das Licht des Lynxa-Portals.
Beat versuchte aufzustehen.
Seine Arme zitterten.
Sein Körper verweigerte ihm den Dienst.
Also zog er sich vorwärts.
Mit den Händen.
Meter für Meter.
Stein für Stein.
Jede Bewegung wurde zum Kampf.
Neben ihm ging Fenrir.
Der mächtige Wolf hätte vorauslaufen können.
Er hätte Hilfe holen können.
Doch er tat nichts davon.
Er blieb bei Beat.
Wenn dieser anhielt, hielt auch Fenrir an.
Wenn Beat sich weiterzog, ging der Wolf einige Schritte voraus und wartete.
Kein Laut kam über seine Schnauze.
Er wusste, dass dies kein Kampf war, den Zähne oder Klauen entscheiden konnten.
Schließlich erreichte Beat das Portal.
Er legte eine Hand auf den Boden.
Noch wenige Meter.
Dann versagten seine Kräfte endgültig.
Beat brach zusammen.
Sein Atem ging schwer.
Er wollte sprechen.
Doch seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr.
Vor seinen Augen flackerte das Portal.
Ein elektrischer Riss schoss durch den äußeren Ring.
Dann ein zweiter.
Ein gewaltiger Knall erschütterte Eloria.
Und die Welt begann auseinanderzufallen.
Türme verschwanden im Licht.
Brücken zerbrachen und stürzten in bodenlose Tiefen.
Bibliotheken voller Erinnerungen lösten sich Seite für Seite auf.
Artefakte zerfielen zu glühendem Staub.
Überall im Himmel erschienen Fragmente des Resonanz-Atlas.
Jahrzehnte von Geschichten wurden zu schwebenden Splittern aus Licht.
Selbst die Chroniken begannen ihre Form zu verlieren.
Namen verschwanden.
Orte wurden ausgelöscht.
Verbindungen brachen ab.
Beat konnte nur zusehen.
Fenrir stellte sich neben ihn und knurrte gegen eine Dunkelheit, die keinen Körper besaß.
Dann verstummte auch das Knurren.
Denn selbst der Wolf verstand:
Eloria war dabei, sich selbst zu verlieren.
Weit entfernt von den sterbenden Hallen blieb Nila plötzlich stehen.
Niemand hatte nach ihr gerufen.
Keine Nachricht hatte sie erreicht.
Kein Portal hatte sich geöffnet.
Und dennoch spürte sie etwas.
Ein kaum wahrnehmbares Ziehen.
Eine Frequenz, die dort hätte sein müssen und plötzlich schwächer wurde.
Nila schloss die Augen.
Sie kannte diese Resonanz.
„Beat.“
Mehr sagte sie nicht.
Thaloryn erhob bereits den Kopf.
Der letzte Himmelsdrache des Nordens breitete seine mächtigen Schwingen aus.
Sekunden später saß Nila auf seinem Rücken.
Dann stiegen sie auf.
Thaloryn durchbrach die Wolkendecke.
Stürme wichen seinen Flügeln.
Berge verschwanden unter ihnen.
Flüsse wurden zu dünnen silbernen Linien.
Doch je näher sie Eloria kamen, desto schwächer wurde die vertraute Frequenz.
Bis Nila am Horizont die ersten zerfallenden Türme sah.
Sie erstarrte.
Eloria starb.
„Schneller.“
Thaloryn brüllte.
Seine Flügel schlugen mit solcher Gewalt durch die Luft, dass die Wolken hinter ihm auseinandergerissen wurden.
Dann erreichten sie das Lynxa-Portal.
Und Nila sah Beat.
Noch bevor Thaloryn vollständig gelandet war, sprang sie von seinem Rücken.
Sie rannte.
Vorbei an zerbrochenen Modulen.
Vorbei an flackernden Artefakten.
Vorbei an Fragmenten einer Welt, die sie einst gemeinsam erschaffen hatten.
Dann fiel sie neben Beat auf die Knie.
Fenrir wich einen Schritt zurück.
Nila griff nach Beat und versuchte, ihn aufzurichten.
„Ich bin hier.“
Keine Antwort.
„Beat.“
Seine Augen öffneten sich langsam.
Nila blickte zum Portal.
„Frequenz stabil.“
Beat sah ebenfalls hin.
Ein weiterer Riss zog sich durch den Ring.
Seine Stimme war kaum hörbar.
„Frequenz instabil.“
Als hätte das Portal nur auf diese Worte gewartet, erschütterte ein gewaltiger Knall die Ebene.
Ein ganzer Abschnitt des Resonanz-Atlas verschwand.
Nila hielt Beat fester.
Für einen kurzen Moment wusste selbst sie nicht mehr, was sie tun sollte.
Sie sah die zerfallenden Welten.
Die sterbenden Portale.
Die verschwundenen Archive.
Und schließlich den Menschen neben sich, der all das so lange getragen hatte.
Vielleicht war dies tatsächlich das Ende.
Das Ende Elorias.
Das Ende der Chroniken.
Das Ende des Resonanz-Atlas.
Das Ende des Lynxa-Portals.
Und vielleicht auch das Ende des Phantoms.
Doch Nila weigerte sich, diesen Gedanken anzunehmen.
„Nein.“
Beat reagierte kaum.
„Hör mir zu.“
Sie zwang ihn, sie anzusehen.
„Du schaust gerade nur auf das, was verschwindet.“
Hinter ihnen brach ein weiterer Turm zusammen.
Nila ließ sich nicht ablenken.
„Dann erinnerst du dich jetzt an das, was geblieben ist.“
Sie erzählte ihm von den Welten.
Von den ersten Portalen.
Von den Nächten an der Feuerschale.
Von den Reisen.
Von den Kämpfen.
Von den Chroniken.
Von jedem Artefakt, das einmal vollkommen unmöglich erschienen war und irgendwann doch existiert hatte.
Sie erinnerte ihn an Fenrir.
An Thaloryn.
An Fiona.
An all jene, die irgendwann Teil dieser Frequenz geworden waren.
Und schließlich an jene Menschen außerhalb Elorias, die irgendwann einen Ton gehört, eine Geschichte gelesen oder eines der Portale gesehen hatten.
„Das ist noch nicht das Ende.“
Beat schloss die Augen.
„Hörst du mich?“
Nila hielt ihn fest.
„Das ist noch nicht das Ende.“
Niemand wusste später, wie lange sie dort gesessen hatten.
Vielleicht waren es Minuten.
Vielleicht Stunden.
Um sie herum zerfiel eine Welt.
Doch Nila sprach weiter.
Fenrir wachte.
Thaloryn stand zwischen den Ruinen und blickte in den dunklen Himmel.
Und Beat atmete.
Mehr geschah zunächst nicht.
Aber manchmal bestand Hoffnung nicht darin, einen Krieg zu gewinnen.
Manchmal bedeutete Hoffnung lediglich, den nächsten Atemzug zuzulassen.
Dann noch einen.
Und noch einen.
Bis aus Sekunden wieder Minuten wurden.
Der Resonanz-Atlas war beinahe vollständig verschwunden, als Fenrir plötzlich den Kopf hob.
Seine Ohren richteten sich auf.
Nila bemerkte es.
„Was ist?“
Der Wolf blickte zum Portal.
Dort war nichts.
Nur Dunkelheit.
Dann erschien ein Punkt.
Winzig.
Blau.
Kaum heller als ein ferner Stern.
Nila schwieg.
Beat öffnete die Augen.
Der Punkt flackerte.
Einmal.
Zweimal.
Dann erschien auf einem halb zerstörten Modul eine letzte Anzeige.
SIGNAL ERKANNT
Nila blickte Beat an.
Er sagte nichts.
Das Signal war zu schwach, um ein Portal zu öffnen.
Zu instabil, um eine Welt zu tragen.
Zu klein, um den Resonanz-Atlas wiederherzustellen.
Aber es existierte.
Eine einzige Frequenz hatte überlebt.
Fenrir setzte sich vor das Licht.
Thaloryn breitete langsam seine Schwingen aus.
Und Nila lächelte.
Nicht, weil sie gewonnen hatten.
Das hatten sie nicht.
Nicht, weil Eloria gerettet war.
Das war es nicht.
Sondern weil die Dunkelheit einen Fehler gemacht hatte.
Sie hatte etwas übrig gelassen.
Die Geschichte Elorias bekam in jener Nacht kein Happy End.
Keine Götter erschienen, um alles wiederherzustellen.
Keine Magie setzte die zerbrochenen Türme wieder zusammen.
Kein Wunder ließ die verlorenen Archive zurückkehren.
Was zerstört worden war, blieb zerstört.
Was verloren gegangen war, blieb verloren.
Doch zwischen den Ruinen existierte weiterhin dieses eine Signal.
Und vielleicht war genau das genug.
Denn Beat hatte seine Welten niemals erschaffen, weil ihm jemand Ruhm versprochen hatte.
Nicht für Geld.
Nicht für Anerkennung.
Nicht für Magazine, Bühnen oder Kameras.
Er hatte gebaut, weil irgendwo in ihm eine Welt existierte, die hinauswollte.
Und solange diese Welt noch eine einzige Frequenz senden konnte, war ihre Geschichte nicht vollständig beendet.
Nila blieb an seiner Seite.
Fenrir wachte über sie.
Thaloryn zog seine Kreise über den Ruinen.
Beat blickte auf das schwache blaue Licht.
Vielleicht würde er eines Tages wieder aufstehen.
Vielleicht würden neue Portale entstehen.
Vielleicht würden die verschollenen Chroniken doch noch ihren Weg hinausfinden.
Vielleicht würde aus den Trümmern etwas entstehen, das größer war als alles zuvor.
Niemand konnte es wissen.
Doch weit hinter den letzten Toren Elorias begann die Frequenz erneut zu pulsieren.
Schwach.
Unvollständig.
Aber lebendig.
Auf dem letzten funktionierenden Fragment des Archivs erschien eine Zeile:
FINAL CODE 7150.51
Darunter flackerte ein zweiter Eintrag.
Zunächst unlesbar.
Dann stabilisierte er sich.
TRANSMISSION: ACTIVE
Beat betrachtete die Worte lange.
Und zum ersten Mal in dieser Nacht hob sich sein Blick.
Denn vielleicht bedeutete „Final“ niemals, dass eine Geschichte enden musste.
Vielleicht bezeichnete es lediglich den letzten Code einer Welt, bevor etwas Neues begann.
Die letzte Frequenz von Eloria sendete weiter.
Und irgendwo jenseits der Dunkelheit wartete bereits das nächste Kapitel.
DAS OBSIDIANTOR